Vorwort

»Lass es bloß sein«, meinte mein Freund Michael zur Idee dieses Buches, »du wirst nichts erreichen und keiner wird akzeptieren wollen, dass auch in unserer modernen Welt noch viele Verhaltensweisen denen des Neandertalers ähneln. Mehr Fakten, mehr Verstand, mehr Vernunft? Wie denn? Es läuft doch gerade umgekehrt: Was einer inhaltlich gesagt hat, ist wohl weniger wichtig, Hauptsache er hat eine gute Figur gemacht und mitreißende Emotionen gezeigt, wenn auch unreflektiert aus dem Bauch heraus und manchmal auf einem Niveau wie bei unseren Vorfahren vermutet! Glaubst du wirklich, du könntest dich gegen den immer emotionaler werdenden Mainstream stellen?«

Wahrscheinlich hat Michael recht. Aber ich finde, es ist einen Versuch wert.

Man muss nur bewusst hinsehen: Unser althergebrachtes Gehirn macht mit uns zuweilen schräge Dinge, schönt uns die Realität oder ängstigt uns, lässt uns nicht an die Zukunft denken und hindert uns sogar, konsequent zu handeln. Wer abnehmen will, kann ein Lied davon singen, was es heißt, sich mit Vernunft gegen sein eigenes Gehirn durchsetzen zu wollen und in einer Krise wie Corona setzt der Verstand oft ganz aus: Toilettenpapier und Hefe hamstern, Aufstände wegen Maskenpflicht und Abstandsgebot, Verwirrung, Ängste und die Suche nach einem Sündenbock.

Das ist kein Wunder: Steigende Stressbelastung, gesellschaftliche Unsicherheiten, Klimawandel, ungeregelte Migration, globale Naturzerstörung aber auch der wachsende Einfluss sozialer Medien und künstlicher Intelligenz brechen über unser Gehirn herein, das für solch schnelle Entwicklungen schlicht nicht gemacht ist. Die Natur hat den Menschen über Millionen von Jahren hinweg nach dem Prinzip Versuch und Irrtum geschaffen, ihre Lebewesen mit riesiger Streuung in Eigenschaften und Fähigkeiten auf den Markt des Lebens geworfen und gewartet, wie sie sich bewähren. Das ist eine Methode, die zwar auf längere Zeiträume gesehen durchaus erfolgreich war, bei der heutigen schnellen Entwicklung aber immer mehr Schwächen zeigt.

Nun stehst du da, Mensch, und fragst dich: Aber ich bin doch intelligent, daran sollte es nicht liegen? Auch weiß ich ja, wie enorm anpassungsfähig mein Gehirn ist, wie schnell es neue Sichtweisen entwickelt, sich auf beliebige Aufgaben einstellt und sich aufrüstet. Also an der Hardware liegt es auch nicht. Was fehlt mir, um die Möglichkeiten, die mir mein Gehirn bietet, wirklich zum Tragen zu bringen? Warum kann ich Dinge, die mir schon lange bewusst sind, trotz aller Einsicht nicht intelligent in die Tat umsetzen?

Intelligenz hin oder her – die ist ja auch nur ein Werkzeug, wie ein Hammer beispielsweise. Einen zu haben, heißt noch lange nicht, damit den Nagel auf den Kopf zu treffen. Irgendwie gelingt es dir einfach nicht, dich ganz bewusst selbst zu steuern und Dinge zu lassen, die dir kurz- oder langfristig schaden. Du bist dein Gehirn, hast aber wenig Ahnung davon, welche eigenen Interessen deine althergebrachten Hirnareale verfolgen, was sie dir verschweigen, wie sie dich manipulieren und trotz aller Fehler glauben lassen, deine Entscheidungen seien wohlüberlegt und dein freier Wille.

Und nicht nur das: Bereits bei der alltäglichen Aufgabe, aus deiner Wahrnehmung das bestmögliche Verhalten abzuleiten, weist das Gehirn eine ganze Reihe entwicklungsbedingter Schwachstellen auf: Unter starker seelischer Belastung verfälscht es deine Wahrnehmung, macht dir Angst und schaltet den in seiner Entwicklungsgeschichte erst spät installierten Verstand aus. Dann läuft alles bauchgesteuert, sozusagen mit Uraltprogrammen auf Autopilot: Du verlierst den Überblick, Aufgaben überfordern dich, erscheinen dir zu komplex, langfristiges Denken und Handeln rücken in weite Ferne, aktuelle Problemstellungen werden aufgeschoben, bis sie zur Krise angewachsen sind, dann folgt in Panik eine Überreaktion auf niedrigem Niveau.

Willst du mit deinem dermaßen von Stimmungen abhängigen Gehirn wirklich der Unsicherheitsfaktor für die Natur und dich selbst bleiben? Immer wieder die gleichen Fehler machen? Weil du einfach nicht anders kannst? Weil deine Verhaltensprogramme völlig veraltet sind? Ist künstliche Intelligenz (KI) die Rettung? Roboter die uns betreuen, beraten oder gar dominieren? Ist es nicht möglich oder sogar notwendig, dass sich nicht nur die KI weiterentwickelt, sondern auch der Mensch?

In diesem Buch wird ein Denk-Modell für menschliches Verhalten vorgestellt, mit dem Ziel, transparent zu machen, wie entwicklungsbedingte menschliche Schwachstellen zustande kommen und wie diese mit Verstand und Vernunft zu vermeiden oder zumindest zu entschärfen wären. – Notfalls auch mithilfe der KI.