Der Mensch, ein Bio-Algorithmus?

Im Gehirn findet sich zwar der größte Teil der Neuronen (Nervenzellen) konzentriert und durch den knöchernen Schädel gut geschützt, Neurone und ganze Neuronen-Netze finden sich aber auch als Niederlassungen rundum im Körper verteilt. Fast der gesamte Magen-Darm-Trakt wird vom enterischen Nervensystem durchzogen, das als eigenständiger Funktionsteil z. B. die Verdauung steuert und – falls nicht anderweitig beeinflusst oder gestört – sogar autonom arbeiten kann.

Eine Unzahl von Sensoren verteilen sich auf alle Körperregionen. Da sind nicht nur Augen, Ohren, Geruchs- und Geschmackssinn als primäre Sinne gemeint, auch die Hautoberfläche und das Körperinnere sind mit einer gewaltigen Zahl von Sensoren ausgestattet. Berührungen von sanftem Streicheln bis hin zu schmerzhaftem Druck werden ihrer Stärke entsprechend wahrgenommen. Temperatursensoren in der Haut lassen vor der heißen Herdplatte zurückschrecken und jedes kleine Härchen am Körper lässt auch den feinsten Luftzug spüren. Und wenn ein geblähter Darm Bauchschmerzen verursacht, mahnt er damit, in Zukunft nicht mehr so viel Apfelsaft auf einmal zu trinken. Niederdrückende Gedanken können als seelische Belastung auf den Magen schlagen, obwohl es ihm rein körperlich bestens gehen sollte.

Seelische Nöte oder unbewältigte Ängste setzen den Organismus also unter Stress, bringen ihn von seiner normalen Funktion ab und lösen auf Dauer körperliche und seelische Fehlfunktionen bis hin zum Burn-out aus. – Was jetzt? Alles beeinflusst alles. Wer hat nun das Sagen und bestimmt das Verhalten? Ist es der Körper, das gute Bauchgefühl, auf das manche schwören? Oder diktiert eine Seele das Vorgehen?

Auf den ersten Blick ist das verwirrend und es gilt, ein Gedankenmodell zu entwerfen, mit dem man sich mehr Überblick über die Abläufe verschaffen kann:

Angenommen dein Körper ist gesund, gut versorgt, fit und auch nicht hungrig, dann würden alle Organe gut koordiniert und automatisch arbeiten. Wenn alles in Ordnung ist, nimmst du kein Organ bewusst wahr: Der Herzschlag interessiert dich nicht, Magen, Darm, Leber, Nieren tun ihre Arbeit. Wärst du nun auch noch im seelischen Gleichgewicht, hättest keine unmittelbaren Probleme und keine offenen Bedürfnisse, die dich beunruhigen, dann wäre die Welt für dich und deinen Organismus rundum in Ordnung. Du fühlst dich also entspannt im Liegestuhl im Grünen und lässt die ganze körperliche und seelische Chose unbewusst auf Autopilot laufen, es gibt ja auch keinen Grund, sich Gedanken zu machen oder aktiv zu werden. Weil dein Gehirn Beschäftigung sucht, mag es sein, dass es dich sogar ein wenig kreativ herumspinnen lässt, was du noch alles tun könntest, z. B. Gleitschirmfliegen, einen Kochkurs machen oder endlich die Modelleisenbahn im Keller aufbauen. Du lebst im Hier und Jetzt mit kleinen Ausflügen in die Zukunft. Nach ausführlichem Chillen hantierst du, nun hungrig geworden, vielleicht in der Küche und schnippelst, von der Problemlosigkeit noch immer reichlich eingelullt, irgendein Gemüse, passt nicht auf und … schneidest dich nur ein ganz klein wenig in den Finger. Es blutet wirklich nur ein bisschen.

Blut zu sehen wirft deine bislang heile Welt nun schlagartig über den Haufen. Auf dieses kleine Schnittchen hin wirst du bereits chaotisch. Da du kein Blut sehen kannst, das eigene schon gar nicht, musst du dich extrem zusammenreißen, um nicht wegen dieser Lappalie umzukippen. Unversehens ergießen sich Stresshormone in dein Blut, dein Herzschlag beschleunigt sich, dein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen, deine Verdauung hält inne und du hast plötzlich ein ganz mieses Gefühl im Bauch – denn auch dein Selbstwertgefühl hat einen heftigen Dämpfer bekommen, weil du dich so blöd angestellt hast: Ich bin verletzt! Hilfe! Mit der Ausgeglichenheit ist es aus und vorbei und zu allem Überfluss fragt dich dein Verstand, warum du keinen Schutzhandschuh getragen hast, der schon lange griffbereit in der Schublade liegt, genau für solche Schussel wie dich konzipiert.

Um wieder runterzukommen, den seelischen Dämpfer auszugleichen und dich selbst zu trösten, genehmigst du dir nach dem eiligen Verpflastern einen doppelten Schnaps.

Ein zweites Mal rekelst du dich symbolisch im gleichen Liegestuhl, da drängt sich mit Macht ein beunruhigender Gedanke in dein Bewusstsein: War da nicht eine Rechnung, die du unbedingt termingerecht hättest überweisen sollen? Der Ärger, die Aussicht auf Mahnkosten und die Enttäuschung über deine Vergesslichkeit: Das hätte nicht sein müssen. Diesmal reagierst du nicht aus dem Bauch heraus, sondern es ist dein Verstand, der dir den Fehler anlastet. Trotzdem die gleiche Reaktionsfolge: Stresshormone im Blut und körperlich-seelische Reaktionen wie zuvor beim Schnitt in den Finger, aber diesmal mental ausgelöst.

Oder der Klassiker: Ein inneres Bedürfnis tritt auf. Du kannst chillen, so lange du willst, aber irgendwann wirst du zumindest Hunger bekommen. Spätestens wenn dein Magen knurrt, ist es aus mit deiner Ausgeglichenheit: Unruhe erfasst dich und du bist nicht mehr du selbst, wenn du Hunger hast. Wieder treten Stresshormone auf den Plan und aktivieren dich, um endlich Essbares zu beschaffen, deinen Hunger zu stillen und damit auch deinen Seelenfrieden wiederherzustellen. Erst danach kannst du in Ruhe wieder auf Autopilot schalten.

Man kann sich diese Abläufe modellhaft so vorstellen: Gleich, ob eine innere oder äußere Anforderung an deinen Organismus herantritt: Dein Körper mit seinen Organen, deine Seele und dein Verstand bilden ein extrem stark vernetztes Kontinuum nach dem pfiffigen Prinzip: Die Befehlsgewalt wandert immer dorthin, wo die größte Anforderung auftritt. Tut etwas ernsthaft weh, dominieren die Schmerzen die Verhaltensberechnung deines Algorithmus, beim Lösen eines Kreuzworträtsels führt er deine mentalen Fähigkeiten ins Feld und ein Hungergefühl bringt deinen Algorithmus dazu, seine Aufmerksamkeit der Beschaffung von Nahrung zu widmen.

Wie dein Organismus das macht? Die einfache Erklärung lautet: Ein Problem tritt auf, irgendein neuronales Netz in deinem Körper mit der passenden Fähigkeit fühlt sich angesprochen und holt sich die Priorität, indem es unterdrückende Impulse an die anderen Netze sendet. Ist die Aufgabe erledigt, das Problem also gelöst, ist das eben noch aktive Netz zufriedengestellt und regt sich wieder ab – keine blockierenden Impulse mehr, alles okay. Tritt nun ein weiteres Problem auf, kümmert sich das nächste sich zuständig fühlende Netz darum und beansprucht seinerseits die Priorität. Beispiel: In einer Prüfungssituation fließt alle Energie in die Bewältigung der gestellten Aufgaben, die Verdauung wird heruntergefahren, selbst Schmerzen zeitweise ausgeblendet. Ist die Prüfung vorbei, sind die Schmerzen wieder da.

Ist immer nur ein Neuro-Netz in Funktion? Manche Schlaumeier brüsten sich damit, nicht nur eine, sondern mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen zu können. Multitasking nennen sie das. Dieses Gleichzeitig passt dem persönlichen Algorithmus aber so gar nicht in die gewohnt seriellen Abläufe – lieber schön eins nach dem anderen. Was macht er also in Wirklichkeit? Beim ersten Durchlauf erledigt der Gute die erste Aufgabe, beim nächsten eben die zweite. Dieses dauernde Umschalten kostet aber viel Energie, muss er doch eine weitere und höhere Ebene zuschalten, die sagt, wer an der Reihe ist, und sich merkt, was jeweils der letzte Stand war, an den man wieder anknüpfen muss. Der Algorithmus selbst hat dazu eine klare Meinung: Multitasking ist äußerst anstrengend und nichts von allem wird wirklich bestmöglich gemacht.

Natürlich kann man Auto fahren und sich gleichzeitig unterhalten. Aber bereits mit dem Handy zu telefonieren und sich dabei auch nur ein bisschen auf das Gespräch zu konzentrieren, bringt den Algorithmus in die Bredouille: Seine Aufmerksamkeit wandert zum Gespräch, eben dahin, wo er am meisten gefordert ist. Ein intensives Gespräch, am Handy oder mit der Beifahrerin, womöglich sogar ein heftiges Techtelmechtel oder ein Streit … jede Tätigkeit, die den Algorithmus stärker in Anspruch nimmt als die andere, verlagert dessen Rechenvorgänge zwangsläufig zum stärker beanspruchenden Thema. Das Autofahren an sich wickelt er nur noch mit Autopilot auf niedrigstem Level ab. Beim geringsten unvorhergesehenen Vorfall kann er dann nicht mehr schnell und schon gar nicht bewusst reagieren. – Bis umgeschaltet ist, hat es längst gekracht.